DAS KULTURELLE GEDÄCHTNIS
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Das Gedächtnis bildet sich in kommunikativen Prozessen aus, d.h. im Erzählen, Aufnehmen und Aneignen von Erinnerungen. Ein vollständig einsamer Mensch könnte nach Halbwachs deshalb überhaupt kein Gedächtnis ausbilden.// Maurice Halbwachs
QUELLEN
Videobeschreibung: Performance von Marlene Hirtreiter; In Island werden Steintürme gebaut, hat man einen Wunsch, so legt man einen kleinen Stein auf die unzähligen Türme in der Landschaft. Bei der Performance wird ein solcher Turm dekonstruiert. Das kollektive und kulturelle Gedächtnis wird symbolisch abgebaut;
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DAS KULTURELLE GEDÄCHTNIS
Die Medien verknüpfen uns, sie bilden Knotenpunkte. Seit der Geburt der sogenannten »öffentlichen Sphäre« (wahrscheinlich bereits davor), können wir von einem kulturellen Gedächtnis im großen Stil sprechen. Wir alle bekommen bei der Zeichenfolge »9/11« umgehend sehr ähnliche innere Bilder und Assoziationen. Kehren wir als einleitendes Beispiel für die Besprechung des Gedächtnisses nochmals kurz zum autobiografischen Gedächtnis zurück. Anhand der Fotografie lautet unsere subjektive Hypothese: Fotografieren verändert das autobiografische Gedächtnis – jedes Medium hat Einfluss auf unser episodisches Gedächtnis. Beispielsweise kann man viele Urlauber (es wird aus eigener Erfahrung gesprochen) beobachten, die ihren Urlaubsort mit der Kamera im Anschlag erkunden. Dabei steht nicht der Ort, die Stimmung, der geschichtliche Hintergrund – kurz das mentale »Einlassen« auf den Ort im Vordergrund, sondern die Jagd nach den Pixeln.
Modalitäten wie Riechen und Hören gelangen als Randerscheinungen in den Hintergrund. Ein Foto reduziert den Blickwinkel einer Situation, kann als desillusionierend empfunden werden. Ein Foto fängt nur eine Millisekunde eines Ereignisses ein. Man kann aber auch sagen, dass das Bild als Erinnerungsstütze agiert, um das Erlebte zu hause besser „wieder aufleben“ zu lassen. Dieser Wandel im Gedächtnis, den uns „neue Medien“ bescheren, lässt sich nicht leugnen (auf wenn das oben genannte Beispiel auf Stereotypen zurückgreift). Wir erleben diesen Wandel heute in allen Facetten. »je suis charlie«, diese drei Wörter genügen – der politische Solidaritätsslogan, lässt in allen – nicht von modernen Kommunikationsnetzwerken abgeschnittenen – Menschen Erinnerungen und Assoziationen empor treten. Man war zur Zeit des Attentats und der anschließenden Verfolgung der Attentäter nicht in Paris und auch nicht in Frankreich. Man war beispielsweise vor dem eigenen Personal Computer, vielleicht im Büro oder auf dem Sofa. Es gab einen Live-Stream, dieser zeigte reale Bilder - man konnte das Geschehen mittels Hypermedium (das Medium im Medium im Medium..) live miterleben. Ungeachtet ethischer Fragen, hat auch diese mediale „Mitverfolgung“ Folgewirkung hinsichtlich unserer Erinnerung an dieses Ereignis. Wenn wir (irgend einem) Ereignis auf diese Art beiwohnen, so reduzieren sich unsere nachfolgenden Erinnerungsreize. Demnach lässt sich behaupten: Medien haben einen starken Einfluss auf unserer Erinnerung. Der nachfolgende Text widmet sich nun nochmals spezifisch dem Gedächtnis aus materieller Sicht.